Chronik des Windhund-Rennsportverein Solitude e.V.

Helmut Rischer 1.Vorsitzender des WRSV Solitude ©

Von Helmut Rischer anlässlich der 50-Jahrfeier vorgetragen

-Urheberrecht / erstellt von Frau Diotima Schäfer-

Am 18. Februar 1961 wurde der Verein von Jochen Rode gegründet. 25 Personen waren damals anwesend, von denen heute nur noch wenige am Leben sind. Herrn Bitzer kennen wir alle, auch die Ehefrau von Jochen Rode, Elsa, ist uns aus vielen Veranstaltungen noch bekannt. Einer der ganz rührigen Initiatoren war H.C. Zimmerle, der dem Verein seinen Zwingernamen “Solitude“ zur Verfügung gestellt hat. Sämtliche Unterlagen, bereits vergilbt, aber kostbar, behütet in meinem Archiv. Die Protokolle‚ die Mitgliederlisten und die Liste aller Vorstände von damals bis heute. Herr Jochen Rode - einige kennen ihn ja noch - ging für den Verein durchs Feuer, er rührte mächtig die Werbetrommel und stürzte sich auf alle Windhundbesitzer, um sie als Mitglieder zu werben. So kam auch ich am 26.Februar 1961, nur eine Woche nach der Gründung, zu dem jungen Verein. Der Jahresbeitrag betrug DM 22.- und beim DWZRV DM 25.- plus DM 5.- Aufnahmegebühr.

Trainiert wurde erst mal in Sindelfingen, im “Eichholzer Täle“. Wir waren Untermieter beim Verein für Hundefreunde. Dies war damals sehr urig, da die Bahn jedes Mal per Hand aufgebaut werden musste. Pfähle wurden eingeschlagen. Netze, die sehr schwer waren, wurden aufgehängt und die Rollen ausgelegt. Den Hasen legten wir selbst aus, jeder für seinen Lauf. Als wir etwas vornehmer wurden, verdienten sich „Hasenjungen“, so nannte man sie damals, ein paar Mark pro Training. Selbstverständlich wurde auch jedes Mal wieder gemeinsam abgebaut. In den Pausen wurde mit den Hundefreunden Fußball gespielt. Da hieß es: „Jetzt spielen die Windhundler gegen die normalen Hundler“.

Das Ehepaar Pankalla, kurz vor mir zum Verein gestoßen und Inhaber der Firma Kraft Motorräder KG, stiftete Roller, so dass bei gutem Wetter der Hase mit der Vespa „ausgelegt“ werden konnte. Auch der Startkasten und die Hasenmaschinen wurden vom Meister der Firma, Herrn Mewes gebaut. Wir waren stolz auf unsere Geräte und zogen damit alle Rennen. Zavelstein, Wildberg, Nagold – wir waren kräftig unterwegs. Schömberg, Tübingen – der Schwarzwald war unsere Domäne.
Das 1. offizielle Rennen, das der junge Verein ausrichtete, war in Stuttgart auf dem Burgholzhof und zwar am 17. Juni 1961. Weil dies ein Trauertag war, berichtete sogar der Rundfunk darüber. Zuvor hatte Herr Zimmerle bereits mit dem früheren Rennverein Stuttgart ein legendäres Rennen auf dem Killesberg im Tal der Rosen organisiert.

Das erste Dukatenrennen wurde im Stuttgarter Neckarstadium ausgetragen. Damals gab es für die Gewinner noch echte kleine Golddukaten. Bei den Greyhound-Besitzern war „Die silberne Halskette“ heiß begehrt. Gestiftet wurde diese als Wanderpreis vom bekannten Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart, Arnold Klett. Diese Halskette gewann endgültig der Zwinger Dschagdalpur der Fam. Hahn im Jahr 1979. Die zweite Kette wurde ebenfalls vom Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart gestiftet und zwar von Manfred Rommel. Um diese Kette wird heute noch gerannt; ein wertvoller Preis, der damals noch in einem Zusatzlauf der 3 schnellsten Grey -Rüden und Hündinnen zur Vergabe kam. Heute unvorstellbar.
Auf all unseren verschiedenen “Rennbahnen“ gab es keine nennenswerten Verletzungen und es gab auch damals schnelle Greyhounds. Es war eine wunderschöne Zeit. Der Zusammenhalt war enorm. Ab Mitte der sechziger Jahre war ich Rennleiter und Pressewart, später wurde ich 1. Vorsitzender – insgesamt 15 Jahre.

Als wir durch die Ungeschicklichkeit des damaligen 1.Vorsitzenden unsere Trainingsmöglichkeit im Eichholzer Täle in Sindelfingen verloren, wurden wir, wie bereits erwähnt, zu Fahrensleuten. Wir nahmen jede Wiese zum Training wahr. Jedes Mitglied lag auf der Lauer, um einen Platz auszuspähen. Durch Vermittlung von H.C. Zimmerle konnten wir auf Waldwiesen des Grafen Leutrum, Schwieberdingen, einige Zeit trainieren. Leider wurde dort aufgeforstet. Nach dem Training trafen wir uns zur frohen Runde im Lokal “Sägemühle“ in Hemmingen, noch allen eine liebe Erinnerung. Wir suchten dringend nach einem richtigen Rennplatz. Beinahe hätten einige Mitglieder gemeinsam die Windhundrennbahn in Stuttgart- Plattenhardt auf den Fildern gekauft. Leider war das Gelände schon damals zu klein und nicht erweiterungsfähig. Viele Gemeinden waren interessiert. So manchen Bürgermeister musste ich überzeugen, dass der ausgewiesene Platz zu klein sei. Beinahe hätte es in Maulbronn, im Gebiet eines geplanten Sportzentrums geklappt. H.C. Zimmerle hatte den Platz gefunden und den Bürgermeister überzeugt, so dass er unser Anliegen förderte. Den Naturschutz, die Jäger und über 20 Eigentümer galt es, zu überzeugen. Es scheiterte, weil 1 Eigentümer, von dessen Grundstück wir nur einige Meter benötigten, für den kleinen Zipfel die Zustimmung verweigerte. Wir waren völlig am Boden zerstört. Während der gesamten platzlosen Zeit waren wir beim Rennverein Pforzheim zu Gast, mit denen wir uns noch heute eng verbunden fühlen.

Zum 10-jährigen Vereinsjubiläum zogen wir am 15.August 1971 – also vor 30 Jahren – auf dem Pforzheimer Platz das Bundessiegerrennen mit 112 Hunden. Damaliger Präsident war Klaus Paradzik, der heute Ehrenratsvorsitzender des DWZRV ist. Das Programm ist heute noch vorhanden und in meinem Besitz.

Nach vielen Anstrengungen und Mühen gelang es H.C. Zimmerle zusammen mit dem ortsansässigen Ehepaar Flores in Sachsenheim das Gelände neben der Raketenabschussbasis der Amerikaner für den Verein an „Land“ zu ziehen – ein Schrottplatz und ehemaliger Segelflugplatz. Fast Unmögliches gelang mit der Unterstützung durch den Bürgermeister Lüth, dem wir viel zu verdanken haben.

Er war ein großer Mäzen der „Solituder“. Auch bei anderen Vereinen war der Platz begehrt. Die Segelflieger zeigten ebenfalls wieder ihr Interesse. Jedoch gaben die Amerikaner nur den Windhunden ihre Zustimmung. Davon hing eben alles ab, denn sie duldeten keine anderen Nachbarn auf dem Natogelände. Für unsere Veranstaltungen stellten sie ihre Armeezelte zur Verfügung. Der Kommandant freute sich, wenn die Soldaten einmal ein Glas Bier bei uns trinken durften. Es waren sehr angenehme Nachbarn.

Wer den damaligen, früheren Segelflugplatz und danach die Müllhalde zum ersten Mal sah, konnte sich bei Gott hier keine „Rennbahn“ vorstellen. H.C. Zimmerle hatte die seltene Gabe Menschen mitzureißen, zu begeistern. Er schöpfte diese Gabe voll aus, ließ alle Beziehungen spielen und fand immer wieder wunderbare Helfer für seine Ideen. Unser Mitglied, Frau Wright, Amerikanerin, schaffte es, von oberen Stabsstellen der amerikanischen Armee Pioniertruppen und schwere Maschinen nach Sachsenheim zu lotsen, Maschinen, die so hoch wie ein Haus waren. Die Amerikaner schafften die Erdbewegungen, die wir nie hätten bewältigen können – schon gar nicht finanziell. Es war eine Art “Arbeitsbeschaffung“ für die Soldaten. Leider stoppte dann eines Tages ein hoher Nato-Offizier aus Brüssel die Arbeiten und unser Vorstand musste mit den zuständigen Wehrmachtsstellen diplomatisch verhandeln. Dazu kam dann noch die erste Ölkrise. Für uns war das erstmals das „Aus“. Die Amerikaner waren in Alarmbereitschaft und durften die Kasernen nicht verlassen. Eines Tages ging es jedoch wieder weiter und es begann der jahrelange, manchmal aussichtslos scheinende Kampf um den „Roten Punkt“. Arbeiten wurden “unter der Hand“ erledigt (mit schlechtem Gewissen). Ende 1973 hatten wir den Platz in Sachsenheim. Langsam wurde aus einer Utopie reale Wirklichkeit. Es entstand eine mustergültige Windhundrennbahn: der SACHSENHEIM-RING. Die Mitglieder konnten am 3. Februar 1974, vor der Jahreshauptversammlung des Vereins, eine Begehung des Geländes durchführen. 1975/76 wurde gebaut. Wir haben auch tief in die Tasche gegriffen. Im Frühjahr 1977 wurde mit dem provisorischen Training begonnen. 1979 wurde - vom inzwischen WRSV- “S“ für Sport (im Hinblick auf die Gemeinnützigkeit) das deutsche Bundessiegerrennen gezogen. 197 Hunde wurden gemeldet, keine Pannen – ein Traumrennen. Damaliger Präsident des DWZRV war K. H. Nause.

H.C. Zimmerle hatte für den Auf- und Ausbau der Bahn, neben dem Ehepaar Flores, die ungemein als Ansässige hilfreich waren, Herrn H. Girmond als ganz großen Helfer und Bauherrn aktiviert. Dieser war langjähriger 2. Vorsitzender und wurde später 1. Vorsitzender des Vereins. Die Eheleute Girmond waren fast vom Anfang an dabei, auch als es noch um die Platzsuche ging. Sie hatten 1967 von meinem ersten Afghanenwurf einen Welpen bekommen. Herr Girmond nahm die Bautätigkeit in die Hand. Als Unternehmer hatte er auch die Möglichkeit, dem Verein viel Geld zu sparen. Auf seiner Gehaltsliste stand auch unser Nico – Rüdiger Frank, der eigentlich fast immer auf der Bahn anzutreffen war. Später kam noch sein Freund Dieter Ellwein für die Elektrik dazu. Herr Girmond setzte sich Tag und Nacht für den Bahnbau ein, konstruierte, probierte, entwickelte und schaffte und schaffte. Ihm haben wir für die Entwicklung der Endlosanlage zu danken. In Herrn Göbel sowie einige enge Getreue hatte er wertvolle Mitarbeiter. Herr Girmond entwickelte auch die Idee einer Sandbahn. Heute kann man sagen, dass er der Initiator der Sandbahn Sachsenheims war. Viele, viele Proben wurden eingeholt, Gutachten erstellt, Experten befragt, DWZRV-Vorurteile widerlegt. Frau Girmond kann ein Lied davon singen, mit wie vielen Sandproben sie durch die Gegend reisten, um sich zu informieren. Die Kostenvoranschläge waren enorm. Sie überstiegen einfach unsere Möglichkeiten. Die Stundenlöhne der Facharbeiter und die Maschinenstundensätze waren einfach viel zu teuer, so dass wir uns vorerst mit Sandstreifen in den Kurven begnügten. Später wurden dann die Kurven ganz mit Sand ausgelegt. Als Herr Girmond am 13. September 1986 von seinem Posten als 1. Vorsitzender zurücktrat, ließ er viel Herzblut zurück. Am 17. Mai 1987 verstarb er für uns alle überraschend. Wir fühlten wir uns völlig verunsichert und wussten nicht wie es weitergehen sollte. Da gab es allerdings noch Nico. Und als Nico 1992 ebenfalls plötzlich verstarb, waren wir alle fassungslos. Der Windhund-Rennsportverein Solitude war inzwischen durch Höhen und Tiefen gegangen. Es kam die schwere Zeit des Streites mit dem VDH. Erst als die Mitglieder sich wieder zusammenfanden und an einem Strick zogen, zurückfanden zum DWZRV bzw. verblieben, fand ein heilvoller Generationswechsel statt.

Nun führten den Verein fast ausschließlich neue, rührige, einsatzfreudige Mitglieder. Zusammen mit einigen Älteren ging es mit großen Schritten bergauf. Es wurde wieder gearbeitet, geschafft, Maschinen kostenlos herangeholt und auf alte Vorschläge von Herrn Girmond zurückgegriffen, neue Vorstellungen verwirklicht – und so konnte am 24. April 1994 der WRSV Solitude die Rennsaison mit einer Sandbahn eröffnen. Der neue Vorstand hat damit dem großen Initiator und seiner rechten Hand Nico ein Denkmal gesetzt. Heute, Jahre später, wird noch genau so viel gearbeitet, gebaut, neu angelegt, wie damals. Der jetzige 1.Vorsitzende und Rennleiter, Helmut Rischer, unterstützt von seiner Frau, mit einem kleinen Team und allen voran Helmut Schmidt, sind Tag und Nacht zugange. So, wie Sie die Rennbahn Sachsenheim heute sehen, ist es das Ergebnis dieser guten Zusammenarbeit – ich denke, das sollten wir uns alle vor Augen halten. Im April 2001 fand auf dem Sachsenheim-Ring die Barsoi-Jahresausstellung mit einer Rekordmeldezahl statt. Damit hatte der “Solitude“ mit Unterstützung der Landesgruppe sein 40-jähriges Jubiläumsjahr eröffnet. Es galt auch dem Gedenken des großen Mitgründers und Namensgebers H.C .Zimmerle, der im April 1995, kurz vor der Barsoi-Jahresausstellung 1995 überraschend verstorben war. Zur Ausstellung im Innenraum gelangten die Teilnehmer durch sein Kunstwerk: Ein Portal mit 3 springenden Greyhounds. H.C. Zimmerle wäre in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden. Seine Witwe Roswitha hat für diese Veranstaltung eine Gedächtnisecke gestaltet mit Ausstellungsstücken sowie für die Ausstellung und das Rennen schöne von „H.C.“ geschaffene Preise gestiftet.

Zweifellos ein Höhepunkt in der Geschichte des Vereins war die Austragung der FCI-Weltmeisterschaft am 9. und 10. Juni 2007 mit Rekordmeldezahlen.
Der WRSV Solitude ist heute ein sehr lebendiger Verein mit einer Sandbahn – man darf wohl sagen, einer der besten von Europa – und einer ebenfalls hervorragenden Küche. Für die Teilnehmer aus ganz Deutschland sowie unsere europäischen Nachbarn, gehören die traditionellen „Schwäbischen Maultaschen“ und ein „Viertele Trollinger“ einfach zu einem gelungenen Ausstellungs- und Rennwochenende in Sachsenheim dazu. Dass die Teilnehmer dies zu schätzen wissen, zeigen die Anmeldungen bei den Internationalen Rennen sowie die zahlreichen Titelrennen, die der Verein bereits austragen konnte.
Wir werden alles dafür tun, um diese Tradition auch in Zukunft weiterhin fortzuführen, denn schließlich sollen sich hier alle, ob Teilnehmer oder Gäste bei uns in Sachsenheim wohl fühlen.

Wir gedachten seiner schon zur 40-jährigen Vereinsjubiläumsfeier am 21.April 2001. Jetzt, 10 Jahre später, feiert der Verein das 50.Jubiläum und unser „H.C.“ wäre im September 90 Jahre alt geworden – zwei „ runde Zahlen“. Wenn wir heute den Sachsenheim-Ring durch das Portal, das eine seiner berühmtesten Arbeiten zeigt „Greys in den drei Phasen des Galoppsprungs, in Lebensgröße“, erinnern wir uns mit Dankbarkeit an ihn und sind sicher, dass er sehr zufrieden auf uns herunterschaut und auch in Zukunft „seinen Rennverein Solitude“ mit Wohlwollen betrachtet – wir aber werden ihn und seine vielschichtige, überragende Persönlichkeit nie vergessen.
HH/17.04.2012